Einsamkeit

Individualismus und Einsamkeit sind Merkmale des Kapitalismus, denn diese Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung basiert auf gesellschaftlichen Spaltungen.

Der Politologe Martin Hecht hat sich in seinem Buch „Die Einsamkeit des modernen Menschen“ mit dem Wandel vom Individualismus zur Selbtbezogenheit befasst und kam zu der Erkenntnis „dass die Einsamkeit des modernen Menschenals radikales Ich die Demokratie bedroht.

Besonders interessant ist Hechts Aussage „Individualismus und Kapitalismus sind unzweifelhaft die beiden großen Potenzen unserer Zeit, die mit maximaler Wirkungskraft auf die Seele des modernen Menschen einwirkt“. [1]

Einsamkeit, Vereinzelung, soziale Isolation betrifft alle Altersgruppen, alle Geschlechter, alle Berufsgruppen und ist unabhängig vom Bildungsstand.

Der Unterschied ist nur, dass einsame Menschen, die finanziell gut ausgestattet sind, sich ein teures Hobby, regelmäßige Konzertbesuche oder Gruppenreisen z.B. leisten können. Ebenso z.B. eine Fortbildung, ein Workshop, ein VHS-Seminar … .

Menschen mit winzigkleinen Geldbeuteln oder Personengruppen, die Transferleistungen beziehen, können sich all das nicht leisten, werden also ausgeschlossen.

Es gibt einen nachweislichen Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit. [2]

Einsamkeit wirkt sich auf die Gesundheit aus. Alleinsein erhöht die Schlaganfallrate, einsame Menschen leben oft ungesünder, Einsamkeit kann Depressionen verursachen.
Zusammengefasst „Einsamkeit stellt somit ein größeres Risiko für die geistige Gesundheit dar als Hirntraumata, exzessiver Alkoholgenuss oder Fettleibigkeit.“ [3]

Die britische Ökonomin Noreena Hertz hat sich in ihrem Buch „Das einsame Jahrhundert: Wie die Isolation unsere Zukunft bedroht“ mit der „Ökonomie der Einsamkeit“ als „Perversionen des Kapitalismus und des Individualismus“ befasst. [4]

Einsamkeit kostet eine Gesellschaft und zwar nicht nur Geld und Gesundheit oder Menschenleben, sondern bedroht auch demokratische Gesellschaften. Denn „Einsame Menschen sind weniger motiviert, an Wahlen teilzunehmen, und neigen eher zu autoritären Einstellungen.

Schon Hannah Arendt argumentierte, dass eine „atomisierte Gesellschaft“, in der Individuen voneinander isoliert sind, den Boden für die Entstehung totalitärer Herrschaft bereite, da kollektive Identitäten und stabile soziale Beziehungen fehlen.“ [5]

Und weiter: „Interessanterweise zeigen unsere Ergebnisse bei Männern tendenziell stärkere Korrelationen von Einsamkeit mit demokratiegefährdenden Einstellungen als bei Frauen, insbesondere in Bezug auf Gewaltbereitschaft.“ [6]

Das Kulturmagazin des Goethe-Instituts bestätigte, dass Einsamkeit totalitäre Systeme begünstigt und bezieht sich dabei auf den chinesischen Philosophen Chen Wie, der Hannah Arendts Überlegungen zum Thema, analysiert hat.

Einsamkeit ist also kein rein individuelles Problem, sondern ein strukturelles oder gesellschaftliches Problem, das unterschiedlich erlebt wird mit individuellem Leidensdruck.

Einsame Menschen sind anfälliger für Populismus, schrieb der Stern im Januar 2024. Wer einsam ist, sehnt sich nach Zugehörigkeit. [7]

Und nicht nur rechte Parteien und Organisationen fischen im Meer der Einsamen, sondern auch Evangelikale und christliche Fundis.

Der ICF, christliche Fundis, beschäftigt sich auf seiner Webseite ausführlich mit Einsamkeit und bietet Hilfe an: „Du hast Fragen oder möchtest einfach deine Gedanken zu diesem Thema loswerden? Dann schreibe uns gerne über das untenstehende Kontaktformular. Wir freuen uns, mit dir in Kontakt zu treten![8]

Auch das Sprachrohr der evangelikalen (KiNC) Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) ERF, also Evangeliumsrundfunk, hat sich mit dem Thema befasst und bot in einem Serviceartikel im Jahr 2019 „Vier Wege aus der Einsamkeit“, die mit 4 Lektion einhergeht.

Lektion 1: „Sich öffnen ist der erste Schritt.“
Lektion 2: „Gemeinschaft mit Gott erleben.“
Lektion 3: „Orte der Gemeinschaft suchen und finden“.
Lektion 4: „Räume für Gemeinschaft schaffen.
[9]

Die Overflow Kirche, Freie Christengemeinde Wiesbaden e.V., die zum Netzwerk der Evangelischen Allianz Wiesbaden gehört bzw. dort Mitglied ist, [10] betreibt das Overflow Café und bietet „In einer Zeit, in der Einsamkeit und Entfremdung zunehmen“, einen einladenen Ort an. [11]

Wir könnten noch mehr Beispiele für christlichen Fundamentalismus und Evangelikale bieten, die vorgeben einsamen Menschen einen Platz anzubieten. Aussteiger*innen des Gospel Forums berichteten, wie freundlich sie aufgenommen wurden und wie sich das Verhalten unmittelbar nach dem Eintritt in die Gemeinschaft veränderte.

Die AfD im Bundestag bietet ein ganz simples Angebot gegen Einsamkeit bei Deutschen. „Familien stärken statt Einsamkeit und Armutsrisiko“. [12]

hier wird neofaschistische Politik auf dem Rücken von vereinsamten und verarmten Menschen gemacht.

Eine konstruktive Antwort bleibt aus. Denn einsame Menschen neigen dazu autoritäre Parteien zu wählen, wie bereits dargelegt wurde, und davon profitiert die #NoAfD.

Die Vorschläge der Krankenkasse mit Sport und Hobbies gegen Einsamkeit vorzugehen, Kurse zu besuchen, zu Singen, um gute Laune zu erhalten, sind ebenfalls nur geringfügig geeignet, die Vereinzelung, die soziale Isolierung oder Einsamkeit zu beenden.

Und der Vorschlag:
Über Einsamkeit zu sprechen hilft – am besten mit einem nahestehenden Menschen. Das kann jemand aus der Familie sein, ein Freund oder eine Freundin
hilft Einsamen, die keine Familie haben, keine Angehörigen und keine Freund*innen gar nichts. [13]

Denn mit wem sollten derartig vereinsamte Menschen sprechen?

Helfen könnten nur das Ende des Kapitalismus und das Ende des Patriarchats. Doch diese Option ist nicht in Sicht. Noch nicht!

Allerdings wäre hier ein breites Feld für Anarchist*innen, radikale Linke und Anti-Autoritäre. #Alerta!