Verkürzt zusammengefasst geht es um evangelikale oder christlich fundamentale „Sexualethik“, Sexualitätsfeindlichkeit im Allgemeinen und den Zwang keinen vorehelichen Sex zu praktizieren und Sexualität nur in der Ehe auszuleben.
Aber dahinter steckt noch mehr, auf das ich später näher eingehen werde.
Zum besseren Verständnis zunächst folgender Text über Mike Johnson, der mit seiner Tochter einen sog. „Reinheitsball“ besuchte und hier in deutscher Übersetzung.
Das evangelikale Mr. Jugendarbeit, „ein neu gegründetes, unabhängiges Hilfswerk für Jugendleitende und Eltern, das sich der evangelischen Allianz zuordnet“ und helfen will „Jugendleitern, Eltern und Verantwortungsträgern Beziehungen zu stärken und Glauben zu fördern“, [1] bezeichnet diese Bewegung oder Strömung als „Purity Movements“ (Reinheitsbewegung). Mr. Jugendarbeit will Jugendlichen Sexualethik beibringen und hat seinen Sitz in Winterthur (CH).
Im Vorstand ist auch Dr. Dominik Klenk vertreten. Noch 2018 war Klenk Prior der LGBTIQ-feindlichen Offensive Junger Christen (OJC), die das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) gegründet hat. [2]
Hier, beim DIJG, wurde 2008 noch nachweislich Werbung für die sog. „Reorientierungstherapie“ also für Konversionstherapie gemacht. Nachzulesen hier.
Dominik Klenk ist mittlerweile CEO der Fontis-Gruppe, der der gleichnamige christliche Fontis-Verlag angehört. [3] Im Fontis-Verlag wurden zwei antifeministische und misogyne Bücher von Birgit Kelle veröffentlicht und z.B. auch Jordan B. Petersons „Konservatives Manifest“.
Der kanadische Psychologe Peterson hetzt schon seit Jahren gegen queere Menschen und wurde dafür im Juni 2022 mit dem ungarischen Verdienstorden belohnt. [4] Bekannt geworden ist er auch durch transfeindliche Äußerungen und mittlerweile gilt er als Vordenker der „neuen“ Rechten. [5]
„Reinheitsbälle“ wie im oben verlinkten Text scheint es in Deutschland nicht zu geben, also auch keinen Zwang oder Druck dem Vater eine schriftliche Erklärung abgeben zu müssen auf vorehelichen Sex zu verzichten, doch 2019 berichtete evangelisch. de unter der Rubrik „kreuz & queer“ über Nadja Bolz-Webers Buch „Unverschämt schamlos“ und berichtete in diesem Zusammenhang, dass die im Buch angesprochene „Reinheitsbewegung“ auch in Deutschland in Erscheinung trete. Sprachrohr seien beispielsweise christliche Influencer bzw. sog. Christfluencer. Beispiele dafür sind hier aufgeführt.
2011 berichtete ntv über die „Modeerscheinung“ „Kein Sex vor der Ehe“ in den USA. Kleidung und Schmuck solle Jugendlichen helfen Keuschheitsgelübde zu halten. [6]
In diesem Artikel ist von Purity-Organisationen die Rede. Das nachfolgende Foto wurde 2019 im pfarrbrief service.de veröffentlicht und mit der Überschrift versehen: „Katholische Sexualmoral auf dem Weihnachtsmarkt: Kein Sex vor der Ehe“. [8]
Wie gesagt, auch hier gibt es Gruppierungen/Orgas, die diese Aufforderung weiterverbreiten.
Das bedeutet die Ideologie, die der „Reinheitsbewegung“ zugrundliegt, gibt es hier auch. Wer kennt nicht das Lied „Daylight“ von David Kushner, das mehr als häufig im Radio zu hören war. [10]
Hier ein kleiner Auszug in deutscher Übersetzung:
„Diese Lust ist eine Bürde, die wir teilen
Zwei Sünder, die durch ein langes Gebet nicht sühnen können
Unsere Seelen sind verbunden, verflochten mit unserem Stolz und unseren Schuldgefühlen. (…)“
Die New York Times berichtete 2021 über „Wie ein Abstinenzversprechen in den 90er Jahren eine Generation von Evangelikalen beschämte“ und über die unvorhergesehenen Nachbeben.
Was hier sehr deutlich zu erkennen ist, ist der misogyne Charakter, auf der die sog. „Reinheitsbewegung“ basiert. Es sind die Frauen und Mädchen, die sich „richtig“ kleiden, handeln, reden und alles „richtig“ machen sollen, um die Nicht-Sexualität für alle Menschen zu gewährleisten.
Bolz-Weber hatte in ihrem Buch die Körper-, Sexualitäts- und Frauenfeindlichkeit ausführlich beschrieben und natürlich auch die LGBTIQ-feindlichkeit und die „männliche Herrschaftsbehauptung“ und „Kontrolle – Gewalt – aufgedeckt und sichtbar gemacht“. [12]
Bekannteste Vertreterin von „Liebe wartet“, das deutsche Äquivalent, ist das evangelikale Weiße Kreuz, das Informationen und Beratung rund um Sexualität und Beziehungen [14] anbietet und damit folgende Themen abdeckt.
- Internet Sexsucht
- Liebe wartet
- Beziehungen gestalten
- Sex in der Ehe
- Gut aufgeklärt
- Ungeborenes Leben
- Sexualisierte Gewalt,
- Scheidung überwinden
Die nachfolgende Übersicht wird auf der Webseite unter „Liebe wartet“ veröffentlicht. [15]
Inhaltsübersicht:
1 Ehe und Familie im 21. Jahrhundert
2 Zwei Konzepte von Sexualität
3 Die Ehe im biblischen Zeugnis
4 Ehe und Sexualität im Wandel der Geschichte
5 Ein Kampf der Kulturen?
6 Was ist denn nun biblisch?
7 Hat mir die Gemeinde eigentlich was zu sagen?
8 Den eigenen Weg gehen
9 Den Weg zur Ehe gestalten
Hier ein kleiner Auszug aus „Liebe Wartet“: „Tradition und Revolte“ zu finden unter 5) Ein Kampf der Kulturen?
Vielen unbekannt sind die „Prinzipien Sexualpädagogik“ aus dem Jahr 2014, initiiert von der Religionsphilosophin und Abtreibungsgegnerin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die mittlerweile dem rechten und rassistischen Netzwerk Wissenschaftsfreiheit angehört, dem Abtreibungsgegner und Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin Christian Spaemann und Helga Sebernik, Vorsitzende von TeenStar.
Diese „Prinzipien“ waren ein Bekenntnis gegen die sexuelle Vielfalt und für eine „Sexualpädagogik als Erziehung zur Liebe“, weil sexuelle Vielfalt angeblich zu viel Leid und Brüche erzeuge, die Vielfalt der Lebensformen für die Erziehung ungeignet sei und das Grundbedürfnis der Menschen nicht Triebbefriedigung sondern Liebe sei. [17]
Interessant ist in diesem Fall auch die Mitarbeit von Sebernik, Vorsitzende von TeenStar, als vermeintliche Expertin. TeenStar bietet Kurse für „junge Menschen“ an und orientiert sich dabei an den „Prinzipien Sexualpädagogik“. In Chemnitz bieten die Abtreibungsgegner*innen von KALEB TeenStar-Kurse an.
Laut Bischöflichem Jugendamt Augsburg bietet TeenStar eine „werteorientierte Sexualpädagogik“ an. [18]
2022 berichtete die rechts-katholische Die Tagespost „Kultusministerium [Bayern] verbietet Teenstar-Kurs“, weil ihr „Unterricht“ fundamentalistisch und „homophob“, also homosexuellenfeindlich, ist und der bayerischen Verfassung widerspricht. [19]
Die GEW Bayern schrieb dazu: „GEW Bayern: Vertreter*innen von Teenstar haben in Schulen keinen Platz!“ [20] und doch berichten Eltern via Google von der Teilnahme ihrer Kinder und wie gut ihnen die Kurse gefallen haben.
Im Bild unten ist mit schwarz-weißem Halstuch und hellbraunen Mantel Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz zu sehen. Sie gehört zum Team von Leib-Bindung-Identität – Entwicklungssensible Sexualpädagogik.
Hierbei handelt es sich um den Studiengang der Phil.-theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz und der Initiative Christliche Familie. Die Ausbildung besteht aus 9 Modulen, die über 2 Jahre angeboten werden.
Es ist zu befürchten, dass die Absolvent*innen auf dem Foto neben Gerl-Falkovitz nach ihrem Abschluss weitere Generationen prägen, formen und vielleicht sogar zerstören. Denn hier kennt mensch nur zwei Geschlechter und die Sexualität ist stets heterosexuell.
Ein Grauen für queere Kids.
Im Januar 2023 veröffentlichte der Blog The Cathwalk einen Beitrag der Katholischen Jugendbewegung (München/KJB) aus dem Jahr 2010 zum Thema „Christliche Erziehung zu Reinheit und wahrer Liebe – Folge 1“.
Es entstand eine Reihe von 5 Beiträgen, die alle die „Erziehung zur Reinheit und wahrer Liebe“ thematisierte. Wissende Kinder, so Folge 4, seien nicht zwangsläufig geschützt. Vielmehr habe sexuelles „Fachwissen“ eine stimulierende Wirkung.
Es ging dabei um Schulische Sexualerziehung und um eine Statistik, die von einem Anstieg von Vergewaltigungen, Abtreibungen, Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten als Folge herangezogen wurde.
Der Text ist gleichfalls aus dem Jahre 2010. 2014, also vier Jahre später, wurde Demo für Alle gegründet, die sich auch den Kampf gegen die sog. „Frühsexualisierung“ auf die Fahnen geschrieben haben und die Gegner*innenschaft für einen Sexualkundeunterricht der Vielfalt und überhaupt.
Auch sie verunglimpfen u.a. Pro Familia, [23] genau wie in nachfolgendem Artikel zu lesen ist.
Auch wenn es in Deutschland keine sog. „Reinheitsbälle“ gibt, so gibt es hier doch die Ideologie, die dahintersteckt. Sie wird vertreten u.a. vom Weißen Kreuz, von Demo für Alle, von TeenStar und vielen weiteren Organisationen, die miteinander sehr gut vernetzt sind.
Doch weil dieser Beitrag schon so weit fortgeschritten ist, soll er an dieser Stelle enden und zum Nachdenken anregen und zum Widerstand. #Alerta